Die deutsche Jungenschaft nach 1945
Ein Wegbereiter für die europäische Integration?

von Klaus-Jürgen Citron
Als wir unsere ersten Horten nach dem Krieg aufbauten, begannen wir in der Stunde Null. Wir sammelten Ideen und Themen aus vielen Bereichen der europäischen Kultur, so wie sie uns von Freunden und Vorgängern vorgeschlagen wurden. Tejos "Schiff" war eines der wichtigsten Medien für uns. Unser Liedgut und unsere Erzähltradition sind das beste Beispiel für die Weltoffenheit unserer Hortenarbeit: Lieder und Märchen vieler europäischer Völker, aber auch der Indianer und Eskimos waren für uns willkommene Beiträge zu unserer Arbeit.In Kohtenächten erzählte ich besonders gerne Geschichten von Edgar Allan Poe und ETA Hoffmann. Im Rückblick staune ich darüber, wie schnell wir schon 1947/48 den Weg zu dieser weltoffenen pädagogischen Tätigkeit gefunden haben, nur wenige Jahre nach der streng nationalistischen Ausrichtung der NS-Zeit. Wir waren neugierig auf die Schätze der Weltliteratur und der modernen Kunst.
   

Natürlich kamen viele dieser "multi-kulturellen" Anregungen auch von älteren Freunden, die aus der bündischen Jugend der zwanziger Jahre oder direkt aus der dj 1.11 stammten. Andre wichtige Ideen kamen aus unseren Familien oder auch aus der Schule. Ich denke dabei u.a. an das Berliner Französische Gymnasium, das ich seit 1938 besuchte und in dem es mutige Lehrer gab, die uns schon früh lehrten, den Blick über die Grenzen zu richten und uns mit dem Reichtum der französischen Kultur vertraut zu machen.

   
Schon bald nach dem Krieg genügten uns die Grossfahrten innerhalb Westdeutschlands nicht mehr. Wir wollten endlich über die Grenzen in unsere Nachbarländer reisen. Österreich und Italien waren 1950 unser erstes Ziel, 1951 wurde es Frankreich. In unserem Rundbrief "Staffettenreiter" vom Dezember 1950 gaben wir den Horten viele praktische Tips, wie sie an Zuschüsse, Pässe und Visa kommen konnten und welche anderen Vorbereitungen für eine erfolgreiche Trampfahrt ins Ausland wünschenswert waren.
   
Ich zitiere: In diesem Sommer 1950 waren die ersten glücklichen Horten der dj auf grösserer Auslandsfahrt. Italien, Frankreich, Österreich, Schweden, Holland waren die Zielländer. Nicht jeder hat das Glück, ohne alles wie die Godesberger die Grenzen zu passieren. Was brauchen wir? Geld! Einen Pass! Das Visum! Geld brauchen wir zu allererst für eine Auslandsfahrt. Die Landesjugendämter geben für gut vorbereitete Auslandsfahrten grössere Zuschüsse.Die Stadt- und Kreisjugendämter ebenfalls, die Kaufleute des Heimatortes muss man mit einer Spendenliste heimsuchen...

Habt Ihr Pass- und Devisengenehmigung oder Einladung, bekommt Ihr auf dem Konsulat das Visum. Habt Ihr dies alles, könnte die Fahrt beginnen, aber ohne innere Vorbereitung wird die Fahrt nur ein halbes Erlebnis. Könnt Ihr als Hortenführer wenigstens etwas die Sprache des Landes, sonst lasst es lieber bleiben. Kennt Ihr ein paar Lieder des Gastlandes, könnt Ihr eigene Volkslieder, die hört man dort lieber als Kosakenchöre. Geht zur nächsten Stadtbücherei, bittet um Werke, die in die Geschichte, Kunst und Natur des Landes einführen. Wenn Ihr einige Monate vorher begonnen habt, den Jungen das Land durch seine Vergangenheit, seine Kunst lebendig werden zu lassen, dann habt Ihr viel mehr getan, als wenn Ihr im Eiltramp unwissend vorbeitrampt."

   

Im Rückblick staune ich über unsere Courage: Wir erinnerten zwar in unseren Hortenrunden an die Verbrechen der NS-Zeit, aber wir selbst waren unbesorgt, dass wir auf Schwierigkeiten stossen könnten. Wichtig erschien mir als Romanisten allerdings, dass unsere Jungen alle ein wenig die Sprache des Gastlandes kannten, und so übten wir fleissig wichtige Redewendungen. Die Tatsache, dass wir viele ausländische Volkslieder sangen, war m.E. einer der wichtigsten Gründe für die Sympathie, die uns fast überall entgegengebracht wurde. Ich werde nie vergessen, wie wir in Riva am Gardasee von Restaurantbesitzern nach unserem Strassenkonzert zu köstlichem Essen eingeladen wurden.

Aber auch sonst beim Trampen wurden wir sehr grosszügig bewirtet. So wurden wir in Venedig von italienischen Pfadfindern in ihrem Heim untergebracht und mit Booten durch die Kanäle gefahren. Vielleicht am wichtigsten waren die vielen Begegnungen mit Jugendgruppen anderer Länder. Besonders freundlich waren bei meiner Trampreise 1951 die Spanier, die z.T. eine viel zu positive Einschätzung der jüngsten deutschen Geschichte hatten.

   

Unvergessen sind für mich die zahllosen Tramp-Begegnungen mit interessanten und grosszügigen Menschen, bei denen häufig auch politische themen, vor allem die NS-Zeit, der Widerstand und die Kollaboration erörtert wurden. Erstaunlicherweise gab es nie Vorwürfe an uns persönlich. Nur einmal empfahl mir ein französischer Fahrer, mich das nächste Mal doch als Schweizer auszugeben. Nachstehend einige Zeilen aus meinem Tramp-Tagebuch von 1952:

"Aus den abgenützten Sätzen der Trampunterhaltungen wächst das Gespräch, welches das Gestern, das Heute und die Zukunft umspannt. Wie nah und klar sind diese französischen Fahrer. Arbeiter, die gelernt haben, das Spiel der Politik zu durchschauen. So denken sie auch nicht mehr in Nationen und Rassen, sie betrachten den Nächsten wie sich selbst als ein Individuum, das grösseren Kräften wie ein Spielball unterworfen ist."

   

Die Mehrzahl der jungen Tramper in Europa kam aus Deutschland. Die meisten von ihnen auf der Suche nach dem Abenteuer, der Entdeckung des Nachbarn. Vielleicht war dies der Beginn des deutschen Nachkriegstourismus. Auch die Besatzungsmächte, vor allem die Jugendoffiziere, haben die Neuorientierung der Jugendgruppen nach 1945 sehr gefördert. Es ging ihnen darum, die Fehler von Versailles zu vermeiden und alles zu tun, um gerade die junge Generation für westliche Werte zu gewinnen.

Ich erinnere mich an britische Jugendoffiziere in Schleswig, die unsere Arbeit positiv unterstützten. So wurde ich z.B. schon 1948 mit vielen anderen aktiven Jugendlichen aus der britischen Zone zu einem christlich orientierten Jugendtreffen im Lake District eingeladen, wo man uns sehr grosszügig betreute. Ich denke ferner an französische Soldaten, die uns 1947, als wir bei einer Tramptour an die Zonengrenze kamen, auch ohne Papiere einreisen liessen, und als wir französische Volkslieder sangen, uns mit Wein bewirteten.

   
Die Erfahrungen dieser Jahre haben nicht unwesentlich das Denken vieler aus meiner Generation geprägt. Nicht wenigen Jungenschaftlern bin ich später im universitären Bereich, im Auswärtigen Dienst und in den Medien wieder begegnet, wo sie sich für ein besseres Europa einsetzten. Vielleicht haben wir ja durch unsere Offenheit, unser internationales Liedgut und auch unsere Bemühungen, die Sprache unserer Gastländer zu sprechen, ein wenig zum grenzüberschreitenden Dialog beigetragen, der für den heute weit fortgeschrittenen europäischen Integrationsprozess unerlässlich war und bleibt.
   
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