Unsere Geschichte
Die Deutsche Jungenschaft in Schleswig 1947-1952.


von Helmut (Helle) Kröger

September 1996: Fast erschrocken verfolgen Schleswiger Bürger das Treiben einiger älterer Herren, die beim jeweiligen Halt an Fussgängerampeln mehrstimmig zur Gitarre singen. Die Texte sind nicht mehr aktuell. Sie erzählen von Zeiten, die lange zurückliegen: Heldensagen der Völker, Landsknechtsleben, Sehnsucht, Verlangen und Tod, von einer Jugend die sich im Aufbruch befindet: “Wo wollt ihr hin, ihr tollen Jungen? Wir wissen’s nicht, in fernes Land”. Aber auch: “Schliess Aug’ und Ohr für eine Weil vor dem Getös’ der Zeit”. Die Spur der Gruppe führt durch den Friedrichsberg zum Schloss Gottorf. Dorthin, wo vor 50 Jahren alles begann.

   

Sommer 1947: In der Jugendherberge Borgwedel werden während der Ferien für Kinder und Jugendliche aus Familien, die durch die Kriegswirren besonders schwer betroffen sind, Erhohlungsmassnahmen durchgeführt. Von den Betreuern beschliessen zwei, nämlich Klaus-Jürgen Citron und Peter Lampasiak, die Betreuungsarbeit auch ausserhalb der Ferienzeit weiterzuführen, getragen von dem Gedanken an die “Bündische Bewegung”.
Diese Bewegung gründete sich um die Jahrhundertwende als erster Ausdruck eines Strebens nach einem eigenen Lebensstil, der die deutsche Vorkriegsjugend ausserhalb der Arbeiterbewegung erfasste. Den an Zahl schnell wachsenden Gruppen, vor allem der Wandervogel, fehlte indes die Ausrichtung nach einem grossen gemeinsamen Ziel. Sie blieben in der sie allein einenden Verneinung der verstädterten bürgerlichen Lebenshaltung stecken und begnügen sich mit der Forderung nach einer neuen Erlebniswelt.

   
Die Jahre nach dem ersten Weltkrieg brachten eine weitere Stärkung des Strebens, sich von den Einflüssen des erwachsenen Erziehertums zu lösen. Der Gedanke nach reinen “Jungenschaften” fand mehr und mehr Einzug in die Jugendbewegung. Je mehr im politischen Zusammenhang das Versagen der Vorkriegsgeneration betont wurde –dass sie nicht würdig und fähig sei, auf die Gestaltung des deutschen Schicksals führend einzuwirken– umsomehr glaubte sie sich berechtigt, ihr Geschick in eigene Hände nehmen zu dürfen. Am 1. November 1929 gründete sich in der bündischen Bewegung die Deutsche Jungenschaft (dj1/11). Ihr blieb es allerdings, so wie allen anderen “Bündischen” nicht erspart, 1933 in die nationalsozialistische Jugendorganisation überführt zu werden.
   

Der Aufbau einer Jungenschaft in Schleswig 1947 gestaltet sich schwierig. Es fehlt nicht an begeisterungsfähigen Jungen. Es fehlen eine Bleibe, sprich Heim, Musikinstrumente, Zelte, Schlafsäcke, festes Schuhzeug. Woran es nicht mangelt ist unser Enthusiasmus. Wie sagte Klaus-Jürgen in der Hortenchronik? “Als wir uns trafen hier in Schleswig, Jungen verschiedenen Alters und verschiedener Art, da wussten wir alle nicht recht, was wir wollten.Jeden trieb wohl ein eigener Wunsch, und das Gemeinsame sollte erst wachsen”.
Ein Zufall wirft uns zur “Deutschen Jungenschaft”. Oder ist es mehr als ein Zufall? Die Jungenschaft wird uns zur Idee, zum Mittelpunkt, um den wir unsere persönlichen Ziele ordnen. Es ist wie eine Grossfahrt, auf der jeder eine Aufgabe übernimmt. Für einige wird für Jahre das Gemeinsame wichtiger als der eigene Wunsch, und darauf kommt es an. Deutschland lebt nicht auf schwarz-weiss-roten Plakaten und in Lautsprechergeschrei, sondern in den Wenigen, die bereit sind, ohne Belohnung Verantwortung zu tragen.

   

 

Klaus-Jürgen, nach dem Abitur an der Domschule vor dem Studium in Kiel stehend, weiss uns Zwölf- bis Vierzehnjährige zu begeistern. Es fehlt zwar an allem, aber wir lernen das Improvisieren. Musikinstrumente werden gebaut, aus Wehrmachtszelten wird eine Kohte genäht, statt Heim gibt es freie Natur. Eine erste Fahrt wird zum unvergesslichen Erlebnis: ein Wochenende in der Jugendherberge am Langsee.
Neben dem Erlernen von Liedern wird das Laienspiel geprobt, nach Seemanns- und Kosakenart getanzt, körperliche Ertüchtigung im Ringen und Boxen gesucht und das Leben in der freien Natur geübt. Das erste Heim! Einige Räumlichkeiten in den Stallungen im Südosten auf der Schlossinsel werden den Jugendgruppen zur Verfügung gestellt. Wir teilen uns diese Notlösung u.a. mit der Laienspielgruppe, der Grenzlandjugend, der Jugend des Deutschen Ostens und den Pfadfindern. Im Dachgeschoss werkeln die Segelflieger an ihren Modellen.
   

In den Ferien lockt die Ferne, wir gehen auf Fahrt. Die ersten kleinen Abstecher führen uns zu befreundeten Gruppen nach Kiel, Leck und Eckernförde. Sylt bedeutet schon eine grössere Trampfahrt, wobei aus Ersparnisgründen der Hindenburgdamm nachts zu Fuss überwunden wird. Allgemein versuchen wir als Tramp das Ziel zu erreichen, doch oft genug müssen auch die Schuhsohlen herhalten. Wir tippeln einmal quer durch Hannover, weil das Geld für die Strassenbahn fehlt.

Rückblickend verdienen unsere Eltern, sehr oft waren es die Mütter, grösste Bewunderung. Es war weniger die Frage der Finanzierung der Fahrtkosten –die war schwer genug– es war vielmehr das Loslassen der Kinder, die lange Abwesenheit in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

   


Mit 13 Jahren im Weserbergland, mit 14 am Bodensee und in Österreich, wobei die Zonengrenzen der amerikanischen und französischen Besatzungsmacht noch “schwarz” überwunden werden müssen. (“Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien”). Mit 15 überqueren wir den Brenner und besuchen Mailand, Venedig, Pisa, Rom. Die Grenzübergänge gestalten sich dramatisch, da der Einzelne nur mit primitiven Dokumenten ausgestattet ist. Insgesamt verlieren wir 1950 eine Woche auf den Grenzstationen.

   

1951 Südfrankreich. Wir wollen uns in Marseille als Kohlentrimmer verdingen, um mit dem Schiff nach Afrika zu kommen. Es klappt nicht. Doch als Deckpassagiere gelangen wir nach Korsika.

1952 sind wir wieder in Italien.
Die Vorbereitungen dieser Grossfahrten sind enorm: Visa und Pässe müssen besorgt, Devisen zum Tausch bei der Besatzungsmacht angemeldet, Lieder der Gastländer geübt und wenige Sätze in der Landessprache auswendig gelernt werden. Dazu aus der Hortenchronik: “Anträge auf Zuschüsse laufen, wir brauchen eine französische und spanische Einladung. Die Konsulate machen Schwierigkeiten mit den Sichtvermerken. Die Ferien sind kurz, wir haben Verlängerung beantragt. Doch der Herr Oberschulrat war recht ablehnend und wollte seine Zustimmung nicht gerne geben.
Passunbedenklichkeitserklärungen fehlen. Denke ich an Dantes Dichtung von der Höllenfahrt, so muss ich ihm vorwerfen, die grausamste Höllenqual vergessen zu haben, die Verhandlungen mit dem Drachen Bürokratie: Ogui sperancia che voi entrate. Lasst alle Hoffnung fahren, die Ihr hier hineinkommt!

   

War das tägliche Leben für unsere Mütter schon beschwerlich und entbehrungsreich genug, so entliess man das Kind für Wochen in ein ungewisses Schicksal. Über 80% der Hortenangehörigen waren Flüchtlinge und lebten unter schwierigsten Bedingungen. Man war in den ehemaligen Kasernen in der Moltkestrasse, in Eisenbahn-waggons oder Hotelzimmern untergebracht. Arbeit, wenn überhaupt, gab es bei der Besatzungsmacht als Heizer, Gärtner, Küchenhilfs- oder Servierpersonal.

Geld für die Fahrten wurde in geringem Umfang vom Kreisjugendring gegeben, über Strassensammlungen erbeten, oder wir konnten durch gute Plazierungen bei Wettbewerben im Gesang, Spiel oder tanz aus der Hand des Kreisjugendpflegers Jordan Geldpreise entgegennehmen. Unterwegs auf Fahrt wurde jede Gelegenheit genutzt, um den Verpflegungsetat zu entlasten. So sangen wir zum Beispiel in Hannover vor dem Bahlsen-Werk so lange, bis der Pförtner uns einen grossen Beutel Bruchkekse herausbrachte. Wie es Klaus-Jürgen unter diesen Umständen gelang, uns in die grössten Museen und Kunstausstellungen zu führen oder uns Freiluft-Opernaufführungen, wie z.b. in Bregenz oder Verona zu ermöglichen, bleibt bis heute sein Geheimnis.

Die Zeitungsberichte in den Schleswiger Nachrichten über die Fahrten und die öffentlichen Auftritte der Jungenschaft bei offiziellen Veranstaltungen lassen die Mitgliederzahl wachsen. So singen z.B. Sivester 1949 bereits 70 Jungenschaftler auf dem Capitolplatz in Schleswig. Aus dem Kern der 1. Horte wachsen so weitere Horten heran.

Vielleicht ein Grund unter vielen, der Jungenschaft Räumlichkeiten im Schloss Annettenhöh anzubieten. Dadurch wird es möglich, die Aktivitäten in den Horten erheblich auszuweiten. Schnitzen und Modellieren, Linolschnitt und Puppenbau, Nachhilfe-Unterricht und das Gestalten und Drucken eines eigenen Mitteilungsblattes “Die rot-graue Staffette” bestimmen neben dem Singen und den Planungen für die Fahrten die Inhalte der Heimabende.

Anfang der Fünfziger Jahre werden Arbeitsplätze im Bergbau und der Schwerindustrie angeboten, viele Flüchtlingsfamilien machen sich auf den Weg in den Südwesten. Als die Eltern von 2 Kameraden aus diesem Grund Schleswig verlassen, wird deren bisherige “Wohnung”, ein Eisenbahnwaggon hinter dem Schleswiger Stellwerk im Friedrichsberg frei. Mit Begeisterung wird der Ausbau des neuen Heims begonnen. Alles deutet darauf hin, dass eine neue Ära beginnt. Niemand aber ahnt zu dieser Zeit, dass das Ende der Jungenschaft in Schleswig hier bereits eingeläutet wird.

   
 

Denn die Aktionen, die am 21. September 1952 für überregionale, ja internationale Aufmerksamkeit sorgt, nimmt hier ihren Anfang.
Für uns Jugendliche war es in dieser Zeit immer schwerer verständlich geworden, warum sich niemand dem stärker werdenden Einfluss der Dänen im Norddeutschen Grenzraum, den sie über die dänische Minderheit ausübten, entgegenstemmte. Um auf diese Situation aufmerksam zu machen, beschlossen wir eine Aktion, die Aufmerksamkeit erregen sollte: In der nacht zum 21. September 1952 wurden die dänischen Schulen und das Pastorat in Schleswig mit Parolen beschriftet wie z.B. “up ewig ungedeelt”, “Finger weg von Schleswig”, “Schleswig ist deutsch”, “Stoppt die rote Gefahr, vereinigt Europa”. 4 Gruppen starteten nachts vom Heim am Stellwerk, überquerten vorsichtshalber die Bahngleise ausserhalb des Bahnüberganges Karpfenteich, wurden aber dennoch von der Belegschaft des Stellwerkes beobachtet. Nachdem in den folgenden Tagen die Presse in grosser Aufmachung berichtete, erhielt die Polizei von hier den entscheidenden Hinweis, der zu unserer Festnahme führte.

Die folgenden polizeilichen und richterlichen Massnahmen waren für uns weniger dramatisch, als die Androhung, man würde uns von der Domschule weisen. Durch Fürsprache der Eltern und einiger verständnisvollen Lehrer konnten wir bleiben, aber viele Eltern verboten ihren Kindern das Verbleiben in der Jungenschaft. Hinzu kam, dass viele Kameraden jetzt mit dem Erreichen der mittleren Reife in die Berufsausbildung gingen, meist ausserhalb Schleswigs. Andere steuerten auf das Abitur oder Studium zu. Die Angebote von Aktivitäten an die Jugendlichen nahmen in dieser Zeit deutlich zu, z.B. durch wiedererstandene leistungsfähige Sportvereine, Ferienaktivitäten und Freizeiten des Kreisjugendringes. Die Politik steuerte in einem demokratischen und ruhigen Fahrwasser glaubhafte Ziele an. Alles zusammengenommen führte es dazu, dass die Deutsche Jungenschaft an Attraktivität für die Jugend verlor. Die Arbeit in den Gruppen endete in Schleswig 1953.

   

Jene älteren Herren, die am Anfang dieses Berichtes erwähnt werden, sind die Jungenschaftler der ersten Stunde in Schleswig. Im Herbst eines jeden Jahres ist ein Wochenende einem Wiedersehen vorbehalten. Diese Treffen stehen jeweils unter einem besonderen Thema. So folgten wir den Spuren von Thomas Müntzer und dem Bauernkrieg bis vor das Panoramagemälde von Tübke in Frankenhausen, trafen uns in Holland im Naturpark “Hoge Veluwe” um im Kröller-Müller-Museum die Bilder von Vincent van Gogh zu bewundern, durchzogen das Teufelsmoor und das Modersohn-Becker-Museum in Worpswede, besuchten die Benediktiner und die Vulkan-Eifel in Maria Laach und werden uns demnächst im Ruhrgebiet wiedersehen.
Und natürlich werden die älteren Herren –einige haben bereits das siebente Jahrzehnt erreicht– wieder singen. Aber die Stimmen sind jugendlich frisch geblieben, wie die Herzen auch.

   
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