50 Jahre nach der Neugründung
ein Interview von Giselher Schaar,
aufgezeichnet in Schleswig am 21. Juni 1996 für NDR3
 
Fast 50 Jahre nach ihrem Enstehen hatten sich die Mitglieder einer Gruppe der Bündischen Jugend am Ort der Handlung wiedergetroffen - in Schleswig, das kurz nach dem Krieg durch Ostflüchtlinge seine Einwohnerzahl fast verdoppelt hatte. Die deutsche Jugendbewegung war von den Nationalsozialisten zerschlagen worden, die Bünde wie der Wandervogel, die Jungenschaft, Pfadfinder, Falken, christliche Gruppen oder die deutsche Freischar wurden verboten und aufgelöst.
 

Peter Lampasiak
mit 69 immer noch Waldorfpädagoge, wollte 1947 wieder an die Traditionen der Bündischen Jugend anknüpfen.
"Ich schloss mich hier als erster einer Wandervogelgruppe an. Wurde dann von der Jugend des deutschen Ostens gekeilt und habe danach in Borgwedel Kinderlager betreut. Dann traf ich hier Klaus-Jürgen Citron und beschloss, mit ihm eine Jungenschaftsgruppe zu gründen".

 
Klaus-Jürgen Citron
ein Flüchtlingsjunge aus Berlin, der kurz vor dem Abitur stand, war der erste, der mitmachte und die junge Gruppe führte. Heute erfolgreicher Diplomat im Hintergrund der KSZE-Verhandlungen in Helsinki und zuletzt Deutschlands Botschafter in Holland versucht seine Vorstellungen von damals zu definieren:
"Ich glaube, ich hatte keine Vision. Es war impulsiv, es war das Gefühl der Zusammengehörigkeit, gemeinsam Abenteuer zu erleben, zueinander zu finden, aufeinander einzuwirken. Die Wirkung ging von allen aus. Jeder brachte etwas ein in die Gruppe. Durch das Abenteuer, fremde Länder, fremde Sitten zu entdecken, lernten und sangen wir Lieder aus allen Ländern Europas."
   
Kaschi
war einer der kleinsten, der sich der Gruppe anschloß. Er wirkte damals etwas verstört. War er doch eins der 7 Kinder des bekannten Fallschirmjägergenerals Ramcke, der noch für Jahre in der Kriegsgefangenschaft festgehalten wurde:
"Also, ich kann mich noch daran erinnern, daß mich Klaus-Jürgen auf der Straße angesprochen hatte. Auf seine Frage, ob ich nicht zu seiner Gruppe passen würde, wußte ich damals keine Antwort. Ich kam hinzu und traf dort in der Tat viele Kameraden und Kumpels, wie ich heute sagen würde. Und die Jahre, die ich dabei war, hängen mir heute noch nach".
  Denn sie prägten uns durch die unterschiedlichen Ausformungen, die das Gruppenleben bot. Ein "Haus der Jugend" oder Begegnungsstätten gab es noch nicht, irgendwo trafen wir uns regelmäßig zu Heimabenden.
   
Ulli,
der heute als freischaffender Grafik-Designer in Belgien lebt, erinnert sich, was wir dabei machten:
"In erster Linie Singen, das heißt, sich auszudrücken. Durch Lieder, Erzählungen, Laienspiele. Aber auch körperlich durch Geländespiele - eine der wichtigen Dinge, sich abends, statt drinnen im Geborgenen zu sitzen, sich draußen im Dunkeln zurechtzufinden".
  Die Höhepunkte des Jahres im Gruppenleben waren die Fahrten in den Schulferien. Die überfüllte Eisenbahn kam nicht in Frage, es war dafür kein Geld vorhanden. Die Trampfahrten eines Jack London oder der legendären Nerother-Wandervögel dienten als Vorbild.
   
Helle,
als Oberstleutnant der Bundesluftwaffe und nach 18 Pilotenjahren auf Starfighter und Tornado vorzeitig in Ruhestand, schildert dieses Abenteuer:
"Die Lastwagen und PKWs waren damals sehr rar. Es dauerte manchmal Stunden, bis einer kam und auch anhielt, nachdem wir nach endlos langem Tippeln einen günstigen Standort gewählt hatten. Und meist geschah es, nachdem sich der Hunger bemerkbar gemacht hatte und wir auf ausgebreiteter Zeltbahn Brote geschmiert und die Klampfen zu einem Lied ge-stimmt hatten. Die Zeltbahn wurde dann mit den beschmierten Broten zusammengeworfen und wir jubelten trotz des Hungers, einen Tramp bekommen zu haben".
  Wir waren unterernährt, hatten ständig Hunger. Trotzdem ging's auf Fahrt. Die Lebensmittel versuchten wir uns unterwegs durch das sogenannte "Fechten" zu beschaffen. Das Wort stammt aus dem Vokabular wandernder Handwerksburschen.
   
Hogger
beschreibt diese Art der Bettelei:
"Das Fechten war in Situationen nötig, wenn der Hunger uns dazu trieb. Wir gingen zu den Bauern, mit 2 Mann. Das war erfolgreicher, als wenn man zu zahlreich aufkreuzte. Einer spielte Gitarre und wie sangen für ein Butterbrot und eine ausgezeichnete Leberwurst, die es damals nicht mal auf Marken gab.
  Die Peinlichkeit, auf der Tenne eines Bauerhofes für wildfremde Menschen ein Lied zu singen, um einen Kanten Brot oder einen Kohlkopf zu bekommen, habe ich bis heute nicht vergessen. Auf den Trampfahrten wickelten wir uns nachts in alte Wehrmachtszeltbahnen und schliefen am Straßenrand. Erst am Ziel oder in den Lagern, bei denen sich viele Gruppen eines Bundes trafen, wurde die Kothe, ein Lappenzelt aufgeschlagen.
   
Uwe,
heute Professor der Rechtswissenschaften in Göttingen, hat unvergeßliche Erinnerungen:
"Es war ja oft bitter kalt. In der Kothe, die oben offen war, konnten wir ein Feuer machen, so daß wir sie auch im Winter benutzen konnten. Das bedeutete auch, daß wir Nachtwache machen mußten. Wir wurden nachts geweckt und mußten aufpassen, daß niemand anbrannte. Mit dem Funkenflug passierte es doch schon mal, daß ein paar Decken abkokelten. Das Aufpassen und Alleinsein, während die anderen pennten, war ein Erlebnis eigener Art".
  Wir trampten durch Europa, schliefen nachts im Zelt, sangen fremde Lieder und kannten Literatur, von der unsere Altersgenossen außerhalb der Gruppe nichts wußten. Waren wir damals etwas Besonderes, fühlten wir uns als Elite?
   
Mega,
promovierter Geologe, hat im Rückblick keinen Zweifel:
"Ich auf jeden Fall. Wir fühlten uns schon als etwas besonderes und wurden oft auch so behandelt. Bei Singwettbewerben haben wir oft gesiegt, selbst gegen Profi-Chöre, obwohl wir Laien waren. Außerdem waren wir hart und alles andere als zimperlich. Abhärtung hatte einen hohen Stand bei uns, und ich glaube das war wohl ein bißchen Elitedenken".
   

Wir versuchten bei diesem Wiedersehen nach fast einem halben Jahrhundert natürlich auch an den persönlichen Lebensläufen abzulesen, ob dieser Anspruch von damals sich erfüllt hat, umgesetzt werden konnte. Klaus-Jürgen, der die Gruppe 1947 führte, wagt ein Resumé:
"Ich war eigentlich voller Bewunderung, was die Freunde und Kameraden von damals aus ihrem Leben gemacht haben. Jeder anders, jeder auf seine Weise. Doch in sich ruhend, und wie sie sagten, daß sie etwas aus der Gruppe mitgenommen haben für's Leben. Ich habe das Gefühl, daß bei allen eine Lebenserfüllung stattgefunden hat".

Fazit aller Teilnehmer: es ist uns bei dieser Wiederbegegnung gelungen, die befürchtete, sentimentale Rückschau einer Altherrenrunde auszusparen und in einer Retrospektive Linien und Gedanken zu finden, die heute noch unsere Wirklichkeiten bestimmen!

 
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