Zu dem Liedermitschnitt
der Deutschen Jungenschaft Schleswig, Horte I

Gesang bindet eine Gemeinschaft.
Eine uralte Erfahrung. Vom Musenkult der alten Griechen bis zu den traditionellen  Feiern und  Volksfeste heutiger Zeit lässt sich das nachweisen.

Alle Stände, Organisationen und Berufsgruppen hatten ihre spezifischen Lieder. Ludwig Christian Erk, ein Musikpädagoge, schuf die erfolgsreichste Volksliedsammlung des 19. Jahrhunderts und führte das Volksliedsingen in den Schulen ein. Seine Sammlung umfasste 20.000 Lieder! Die deutschen Volkslied-Archive haben inzwischen eine Sammlung von über einer Million Lieder aus den deutschsprachigen Ländern im Bestand..

Die Entwicklung der Jugendbewegung, Gründung des Wandervogels, Spaltung in unterschiedliche Bünde, ist uns bekannt. „Das Zentralerlebnis der Jugendbewegung die Erweckung zur Gemeinschaft“ (Spranger) war die große Leistung, gefestigt durch das gemeinsame Singen.
Es entstand eine vom Wandervogel bevorzugte Liedersammlung, die zusammengefasst als „Der Zupfgeigenhansel“ von Hans Breuer herausgegeben wurde. Sie fußte hauptsächlich auf der Liedsammlung von Erk.  Die Deutsche Jungenschaft, dj 1-11, bevorzugte später den „Turm“, in dem sehr viele ausländische Lieder aufgenommen wurden..

Begleitet wurden die Lieder mit der „Klampfe“ (Gitarre). Die Erwachsenenwelt war schockiert. Sah sie doch in der Jugendbewegung Protestler, die alle „klampften“. Die Gitarre kam in Verruf als ein Instrument der protestierenden Jugend. Diese Ansicht hatte sich an Musikhochschulen gehalten bis um 1960, ging dann auf die E-Gitarren über, als die Beatles die bürgerliche Gesellschaft schockierten. – in der DDR bis zu Wolf Biermann, der ausgebürgert wurde und nicht mehr in die DDR zurück durfte.; in Chile während der Diktatur wurden kritische Sänger, die Gitarre spielten, ermordet.

Die Jugendbewegung wollte am Anfang diesem Makel entgehen und spaltete sich (wie später noch öfter).  Die einen blieben bei der Klampfe und der Romantik. Die anderen wandten sich der Alten Musik zu und wollten ihre Lieder mit der Laute begleiten. Also baute man Lauten mit Gitarrenstimmung, die nichts mit der alten Laute außer dem birnenförmigen Korpus, gemeinsam hatten. Ihre Anhänger nannten diesen Zwitter liebevoll „Sängerlaute“, die anderen beschimpften sie als „Bastardlaute“.

Dann kam die verhängnisvolle Zeit des Nationalsozialismus. Deren Anhänger glaubten, das deutsche Volksliedgut sei  ureigenster Kulturbesitz der Deutschen.
Man sah in diesem Besitz ein Mittel, das Nationalgefühl der Volksgenossen zu stärken. Das Unheil begann. Ohne Kenntnisse über die Melodiewanderungen der Lieder in früher Zeit, wurde alles angeblich „Ausländische“ verfolgt und ausgemerzt. Wo diese nationalsozialistische Politik anfing, hörte Kunst, Musik, Wissenschaft, Recht und Einsicht auf.
Die Gruppen und Bünde der Jugendbewegung, besonders die, die sich der Großfahrt verschrieben hatten, dj 1-11, Nerother, Freischar und andere, wurden verboten und Horten sowie die Mitglieder brutal verfolgt. Ebenso ihr „entartetes Liedgut“, denn diese Gruppen verseuchten mit den ausländischen Liedern das deutsche Kulturgut.

 Der 2. Weltkrieg war gerade zu Ende, die Not noch groß, da wurde die Schleswiger Jungenschaft, Horte I,  1947, gegründet.
Wir griffen wieder zur „Klampfe“ zu der sich auch die Balalaika gesellte. Und was sangen wir? Alles! Lieder aus allen Regionen, von Nord und Süd, Ost und West. Uns war wichtig, die Lieder mussten echt sein, unverfälscht, so glaubten wir es ohne großen Analysen. Dazu mussten sie den richtigen Schwung und auch Ausdruck haben.
Jetzt schlug das Pendel zur anderen Seite aus. Wir hatten wieder die Freiheit, alles singen zu dürfen, es gab für uns nichts Entartetes, es gab keine kulturelle Bevormundung mehr. Musik und Kunst waren wieder frei. Das haben wir weidlich genossen und einen großen Liedschatz aus allen Lebensbereichen und vielen Ländern gepflegt.

Am 21. September 2007, nach 50 Jahren, traf sich die Horte I der Schleswiger Jungenschaft, wieder in Schleswig, und wir wollten noch einmal unsere alten Lieder erschallen lassen und sie auf einer CD speichern.
Es gab keine Vorbereitung, keine Proben. Es ergab sich eine Situation wie einst am Feuer vor oder in der Kote. Alles ganz ungezwungen. Wer sich an den Text noch erinnerte sang mit, manchmal begannen alle gemeinsam, dann wiederum stimmte einer alleine an. Es wurde also keine ausgefeilte Studioaufnahme. (Aus Berufserfahrung weiß ich, wie lange im Tonstudio an einer perfekten Aufnahme gefeilt wird, wie viel Wiederholungen nötig sind. Selbst Yehudi Menuhin, der nun wirklich perfekt war, musste ein Konzert 23 Mal im Studio spielen, bis die Aufnahme zufriedenstellend war.) Um eine verkaufbare so ausgefeilte Aufnahme ging es uns nicht. Wir hätten sonst eine Woche daran arbeiten müssen!

Doch an dem Abend wurde uns bewusst, was wir alles früher gesungen haben. Da gab es Texte, die im reiferen Alter eigentlich nicht mehr zu vertreten sind.  Hatten wir uns damals mit den Aussagen dieser Lieder identifiziert?  Mit Nachdruck: Nein!
Wir sangen alles, aus den oben erwähnten Gründen nach Wiedererlangung der Freiheit. Natürlich gab es Lieder, die wir mit innerer Anteilnahme und tiefer Überzeugung sangen. Unsere Horte war mit ihrem Liedgut damals nicht einzuordnen und irritierte zu unserer Freude viele Zeitgenossen.
   
Erstaunlich ist, dass wir nach 50 Jahren noch so schwungvoll unsere alten Lieder singen konnten, selbst die Texte fielen einem wieder ein. Während unserer Glanzzeit hatten wir fast jeden Sing-Wettbewerb gewonnen, oft mit dem 1. Preis, denn wir konnten auch schwierige 4-stimmige Choräle singen. Auf unseren Fahrten hatte unser Singen viele Zuhörer tief  beeindruckt und uns große Achtung verschafft, was uns bestärkte, unseren großen Liedschatz weiter zu pflegen.

Gesang hat seit 50 Jahren unsere Gemeinschaft gebunden.

Hoffen wir, dass die letzte Zeile des letzten Liedes auf der CD „Die Dämmerung fällt ....“ noch lange nicht auf uns zutrifft.
Viel Freude an unserer Erinnerungs-CD.

Dixi

 
 
   
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